China wird Republik
Nanking, Donnerstag, 15. Februar 1912
Nach dem Sieg der chinesischen Revolution über die kaiserliche Macht wird die Republik gegründet. Die Epoche der seit 1644 herrschenden Mandschu-Dynastie ist beendet.
Nach dem freiwilligen Rücktritt Sun Yat-sens wählt die chinesische Nationalversammlung Yüan Shih-k'ai einstimmig zum Präsidenten der Republik.
Mit seinem Rücktritt zu Gunsten Yüans verbindet Sun Yat-sen die Hoffnung, dass unter dem ehemaligen kaiserlichen Minister an der Spitze der Republik alle politischen Kräfte, auch die nicht-revolutionären, zum Aufbau der Demokratie gebündelt werden können.
Noch im Laufe des Jahres wird allerdings deutlich, dass Yüan Shih-k'ais Bestrebungen dahin gehen, die autoritären Machtstrukturen beizubehalten. Die Folge sind die blutige Verfolgung und das Verbot der am 12. August gegründeten Kuomintang unter Sun Yat-sen nach den Wahlen zur Nationalversammlung im Jahr 1913.
Zum Ausbruch der Revolution gegen die Mandschu-Dynastie war es 1911 aufgrund einer von der kaiserlichen Regierung geplanten Auslandsanleihe gekommen, die für die Verstaatlichung der regionalen verwalteten oder im Privatbesitz befindlichen Eisenbahnen verwendet werden sollte. Der Mandschu-Dynastie wurde der Ausverkauf nationaler Interessen und die Stärkung der Zentralmacht zu Lasten der Provinzen vorgeworfen.
Der Untergang der »Titanic«
Cap Race, Sonntag, 14. April 1912
Mit dem Untergang der »Titanic« wird der Glaube an die Technik erschüttert. Das Schiff ist Ausdruck der Gigantomanie auf See.
20 Minuten vor Mitternacht kollidiert das britische Passagierschiff »Titanic« in der Nähe der Neufundlandbank mit einem Eisberg. Nur kurze Zeit darauf, um 2.20 Uhr, sinkt der Luxusdampfer. Von den 1308 Passagieren und der 898 Mann starken Besatzung können nur 703 Personen gerettet werden. 1503 Menschen kommen ums Leben.
Am 10. April hatte die »Titanic« im britischen Hafen Southampton die Anker zu ihrer ersten Fahrt über den Ozean gelichtet. Ziel der Jungfernfahrt war New York, wo das Schiff am 16. April eintreffen sollte. Aufgrund seiner Bauweise mit 18 wasserdichten Schotten galt es als unsinkbar, was den Kapitän John Edward Smith wohl auch dazu verführte, die Geschwindigkeit trotz Eiswarnung in der gefährlichen Region nicht zu drosseln.
Neben Größe und Ausstattung des Ozeandampfers ist vor allem die Dauer der Überfahrt für die im harten Konkurrenzkampf stehenden Schifffahrtsgesellschaften entscheidend. Es war der Ehrgeiz der White Star Line, Eignerin der »Titanic«, die begehrte Trophäe für die schnellste Überquerung des Atlantiks, das »Blaue Band«, zu erringen.
Erst nach der »Titanic«-Katastrophe werden verbindliche Sicherheitsvorschriften, u.a. für die Ausstattung mit Rettungsbooten und Dampferrouten, erarbeitet. Das Unglück im Eismeer wird in den folgenden Jahrzehnten zum Mythos.
Die Katastrophe
Mit 22 Knoten (41 km/h) gleitet das über 45 000 BRT große Schiff durch das 3700 m tiefe Wasser, als der 20 m aus dem Wasser ragende Eisblock ein 90 m langes Leck auf der Steuerbordseite reißt. Sechs der wasserfesten Kammern werden beschädigt. Erst nachdem sich das gigantische Schiff zur Seite neigt, bricht eine Panik aus. Hunderte stürzen an Deck und versuchen, die Rettungsboote zu erreichen, von denen es viel zu wenige gibt. Die nur 32 km entfernt liegende »California« empfängt den SOS-Ruf nicht, die »Carpathia« ist für eine rechtzeitige Hilfe zu weit entfernt. Erst eineinhalb Stunden nach dem Untergang trifft sie an der Unglücksstelle ein und nimmt die Überlebenden an Bord.
Olympia: Gold für Literatur
Stockholm, Samstag, 6. Juli 1912
Perfekte Organisation, der mustergültige Zustand der Wettkampfstätten und Zuschauerfreundlichkeit zeichnen die Spiele aus.
Im neuen Stockholmer Stadion eröffnet der schwedische König Gustav V. die V. Olympischen Spiele der Neuzeit.
Der feierlichen Veranstaltung vorausgegangen waren der offizielle Start der Leichtathletikkämpfe am 5. Juli sowie die am 29. Juni begonnenen Vorentscheidungen im Reiten, Schießen, Tennis und im Fußball. An den Vergleichen in 16 Sportarten nehmen 2547 Sportler aus 28 Ländern teil.
Kommentatoren beschreiben Organisation und Architektur sowie das Sitzplatzangebot für 30 000 Zuschauer als herausragend. Sie resümieren, dass die Spiele zum ersten Mal zu ihrer eigentlichen Form gefunden hätten.
Neu in das olympische Programm aufgenommen wurden der Moderne Fünfkampf, Schwimmwettkämpfe für Frauen, die klassischen Leichtathletikstaffeln sowie die Langstreckenläufe über 5000 m und 10 000 m. Ein Novum dieser Spiele sind Kunstwettbewerbe. Die Goldmedaille im Literaturwettbewerb gewinnt der Generalsekretär des Internationalen Olympischen Komitees, Pierre de Coubertin, mit seiner »Ode an den Sport«.
Einer der sportlichen Höhepunkte ist die Leistung des »fliegenden Finnen« Johan Petteri (»Hannes«) Kolehmainen, der dreimal Gold holt.
Osmanen in der Defensive
Montenegro, Dienstag, 8. Oktober 1912
Die Benachteiligung der nichtislamischen Bevölkerung im Osmanischen Reich dient als Vorwand, um die Türken vom Balkan zu vertreiben.
Das Königreich Montenegro erklärt dem Osmanischen Reich offiziell den Krieg.
Nach weiteren zehn Tagen folgen die mit Montenegro im Balkanbund vereinigten Staaten Bulgarien, Griechenland und Serbien. Der erste Balkankrieg breitet sich innerhalb kurzer Zeit auf das gesamte europäische Gebiet des Osmanischen Reichs aus, das den massiven Angriffen nur geringen Widerstand entgegensetzen kann. Infolge innenpolitischer Schwierigkeiten sowie durch den seit September 1911 andauernden italienisch-türkischen Krieg ist das einstmals so mächtige türkische Imperium geschwächt.
In dieser Situation sahen die bestehenden Nationalstaaten auf dem Balkan eine Chance für die Realisierung ihrer Expansionspläne. Bereits am 13. März schlossen Bulgarien und Serbien einen Bündnisvertrag, dem bis Anfang Oktober auch Griechenland und Montenegro beitraten. Klares Ziel des Abkommens ist die Verdrängung der Osmanen vom Balkan.
Diese nur auf geheimen diplomatischen Wegen bekanntgewordenen Absichten lösten bei den Großmächten Beunruhigung aus, da sie fürchteten, dass die militärische Auseinandersetzung der »Kleinen Mächte« die Interessen der »Großen Mächte« in Südosteuropa gefährden könnten. Sie forderten deshalb noch im Oktober Konstantinopel zu Reformen in der Balkanregion auf, in der Hoffnung, einen Kriegsausbruch zu verhindern.
Der Streit um die Aufteilung ehemals osmanischer Gebiete führt 1913 zum zweiten Balkankrieg.
»Kranker Mann«
Der um 1300 in das Gebiet der Byzantiner eingedrungene Osman I. Ghasi, Führer turkmenischer Glaubenskämpfer des Islam, stand am Beginn der Dynastie der Osmanen. In den folgenden 300 Jahren entwickelte sich das Osmanische Reich bis zu seiner Blütezeit unter Sulaiman II. (1520-66) zur Weltmacht. 1453 wurde das christliche Konstantinopel zur Hauptstadt gemacht. Mit dem Scheitern der Belagerung Wiens 1683 setzte der langsame Niedergang des Reichs ein. Der »Kranke Mann am Bosporus« verlor nach und nach seine Besitzungen.
Wahlsieg der Sozialdemokraten
Dienstag, 31. Dezember 1912
Trotz des Wahlsiegs der Sozialdemokraten bei den Reichstagswahlen ändert sich an der Großmachtpolitik des Deutschen Reichs unter Kaiser Wilhelm II. nichts. Eine Förderung des Untertanengeists im Innern und Weltmachtphantasien nach außen bestimmen die kaiserliche Politik.
SPD-Sieg: Bei den Wahlen zum Deutschen Reichstag erringen die Sozialdemokraten am 12. Januar ihr bisher bestes Ergebnis. Sie erhalten 34,8% der abgegebenen Stimmen und damit 110 Abgeordnetensitze. In dem Ergebnis sehen die Sozialdemokraten eine Bestätigung für ihre Politik, die sich vor allem gegen die Reichsfinanzreform richtet. Die Steuerpolitik des »Schwarzblauen« Blocks (Konservative und Zentrum) begünstigt vor allem die ostelbischen Großgrundbesitzer. Die außenpolitische Unsicherheit infolge der Marokkokrise von 1911, die das Deutsche Reich an den Rand eines Kriegs brachte, förderte zudem die allgemeine Unzufriedenheit.
Prächtige Synagoge: In Anwesenheit des Generalobersten Gustav von Kessel als Vertreter des deutschen Kaisers wird am 26. August die neue Berliner Synagoge in der Charlottenburger Fasanenstraße eingeweiht. Die Übergabe des Gotteshauses an die jüdische Gemeinde kennzeichnet einen wichtigen Einschnitt in der Geschichte des Berliner Synagogenbaus. Das eher an eine romanische Kirche erinnernde Monumentalgebäude ist seit der Errichtung der prachtvollen, im orientalisierenden Stil gebauten Synagoge in der Oranienburger Straße das erste jüdische Gotteshaus in der Reichshauptstadt, das weder auf einem Hinterhof noch hinter einem Gemeindehaus versteckt liegt.
Nobelpreis: Der Schriftsteller Gerhart Hauptmann erhält am 10. Dezember den Nobelpreis für Literatur. Der Begründer des deutschen Naturalismus erhält den Preis vor allem als Ehrung für seine reiche und vielseitige dramatische Dichtung.
»Biene Maja«: Eines der meistverkauften deutschen literarischen Werke des 20. Jahrhunderts wird die Erzählung »Die Biene Maja und ihre Abenteuer« von Waldemar Bonsels (1881-1952), die 1912 erscheint. Das Buch bietet im Bild einer vermenschlichten Tierwelt eine idyllische, naturmystische Alternative zur rauhen Gegenwart. Bonsels versucht nachzuweisen, dass allein tätige Liebe und versöhnende Toleranz nötig sind, um das Leben human zu gestalten. Das Werk wird in viele Sprachen übersetzt und 1972 verfilmt.
»Der Untertan«: Eine präzise Analyse der obrigkeitsstaatlichen Verhältnisse bietet »Der Untertan« von Heinrich Mann. Mit dem Abdruck des Romans beginnt in diesem Jahr die Zeitschrift »Wort im Bild«
Kumpel streiken
Im Ruhrgebiet treten am 11. März 170 000 Bergarbeiter in den Streik, das sind 61% aller in den Zechen Beschäftigten. Sie versuchen erfolglos, eine 15-prozentige Lohnerhöhung durchzusetzen. Militär und Polizei greifen ein. Arbeitswillige Bergleute erhalten Polizeischutz, u.a. auf der Königsgrube bei Wanne. Die Lohnentwicklung in den deutschen Zechen war in den vergangenen Jahren weit hinter der konjunkturellen Steigerung zurückgeblieben. So verdienen in einigen Gruben die Hauer real 51 Pfennig weniger pro Schicht als noch Ende 1907.
Preise steigen
Die unzureichende Fleischversorgung der Bevölkerung beschäftigt am 25. Oktober das preußische Abgeordnetenhaus. Vor allem Arbeiter können sich seit Wochen kein Fleisch leisten. Nach Angaben der SPD konsumiere eine vierköpfige Arbeiterfamilie am Tag etwa 60 g Fleisch, obwohl der Bedarf eines Erwachsenen mindestens 150 g täglich betrage. In vielen Städten kommt es zu Demonstrationen gegen die Fleischpreise.