Was war im Jahr Anno 1900
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Australien konstituiert sich
Melbourne, Dienstag, 1. Januar 1901
Wirtschaftliche Gründe veranlassten die ehemalige Sträflingskolonie zum politischen Zusammenschluss.
Mit dem Inkrafttreten der australischen Verfassung bilden die bisher selbstständigen Gebiete Westaustralien, Südaustralien, Queensland, Victoria, Tasmanien und Neu-Südwales einen Bundestaat.
Das »Commonwealth of Australia« bleibt mit Großbritannien verbunden. Staatsoberhaupt ist die britische Königin Viktoria, vertreten durch den ersten Generalgouverneur Lord John Adrian Hopetown.
Mit Beginn des 19. Jahrhunderts hatte sich die Schafzucht zum entscheidenden Wirtschaftsfaktor entwickelt. Die Absatzprobleme der australischen Wollproduktion während der sog. Gründerkrise in Europa führten in den 80er Jahren zu ersten Einigungsbestrebungen. Ein Kompromiss zwischen Freihandels- und Schutzzollanhängern ermöglichte die Annahme der Verfassung.
Ende eines Zeitalters in England
Insel Wight, Dienstag, 22. Januar 1901
Insel Wight, Dienstag, 22. Januar 1901
Eine Glanzepoche mit höchster politischer Machtentfaltung und wirtschaftlicher Prosperität klingt aus. In ihr hatten sich im britischen Bürgertum charakteristische Einstellungen und Werte herausgebildet.
Die britische Königin Viktoria stirbt im Alter von 81 Jahren nach kurzer Krankheit auf ihrem Schloss Osborne. Sie regierte das Empire fast 64 Jahre lang. Während ihrer letzten Lebensstunden waren James Reid, ihr Arzt, und ihr Enkel, der deutsche Kaiser Wilhelm II., bei ihr.
Während ihrer Regierungszeit ist Großbritannien zu einer Weltmacht aufgestiegen, die ein Viertel der Erde für sich beansprucht. 1876 nahm Viktoria auf Betreiben ihres Premiers Benjamin Disraeli den Titel einer Kaiserin von Indien an.
Nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich hat das Empire seine Bedeutung unter Königin Viktoria deutlich ausbauen können. Der Wert des britischen Exports stieg während ihrer langen Regierungszeit auf das Viereinhalbfache. Die Länge des Eisenbahnnetzes verzehnfachte sich.
Die Begräbnisfeierlichkeiten für Viktoria ziehen sich über Tage hin. An Bord der Yacht »Alberta« wird der Leichnam auf das Festland gebracht, von Portsmouth aus mit der Bahn nach London. Millionen Menschen säumen die Straßen der Hauptstadt beim Trauerzug.
Am 4. Februar wird Viktoria im Mausoleum von Frogmore an der Seite ihres Gatten Prinz Albert von Sachsen-Coburg-Gotha beigesetzt, der 1861 gestorben ist.
Viktorianismus
Kennzeichnend für die Regierungszeit Königin Viktorias (1837-1901) sind wirtschaftliche Prosperität und imperialistische Expansion, aber auch kulturelle Verflachung. Das geistige Klima wurde durch eine starke, oft puritanisch gefärbte Religiosität bestimmt. Heuchelei und Scheinmoral begleiteten vielfach die prüde Einstellung zur Sexualität. Der ungebrochene Fortschrittsglaube und die Technikeuphorie der Zeit fanden in der ersten Weltausstellung von 1851 in London ihren Ausdruck. Im Gegensatz zur weltweiten Machtausdehnung stand die Entwicklung im Innern: Die Kluft zwischen Arm und Reich wuchs an und bereitete den Boden für die Ideologie des Klassenkampfes.
Whitehead Herr der Lüfte
Bridgeport, Mittwoch, 14. August 1901
Der deutschstämmige Flugpionier Gustave Whitehead unternimmt den ersten Motorflug der Luftfahrt.
Der in die USA ausgewanderte ehemalige Mitarbeiter Otto Lilienthals erreicht mit einem selbst konstruierten Gleitflugzeug 12 Meter Höhe und fliegt 900 Meter weit. Die Leistung gerät in Vergessenheit, erst 1964 wird bewiesen, dass Whitehead der erste Motorflieger war
Attentat auf US-Präsidenten
Buffalo, Freitag, 6. September 1901
Nach Abraham Lincoln und James A. Garfield fällt der dritte US-Präsident einem Attentat zum Opfer.
Der Anarchist Leon Czolgosz verwundet William McKinley durch zwei Pistolenschüsse so schwer, dass der US-Präsident am 14. September seinen Verletzungen erliegt.
Unmittelbar nach dem Tode McKinleys leistet der Vizepräsident Theodore Roosevelt den Amtseid. Der Attentäter, der eine neue Regierungsform durchsetzen wollte, wird überwältigt und am 29. Oktober in New York hingerichtet.
Erste Nobelpreise verliehen
Stockholm, Dienstag, 10. Dezember 1901
Träger des angesehenen Preises sind Personen, die in den Bereichen Physik, Chemie, Medizin (Physiologie), Literatur und Friedenserhaltung Herausragendes geleistet haben.
Am fünften Todestag ihres Stifters werden erstmals die mit 150 800 schwedischen Kronen dotierten Nobelpreise verliehen. Henri Dunant, der Gründer des Roten Kreuzes und Frédéric Passy, der Initiator der Internationalen Friedensliga, erhalten im norwegischen Oslo den Friedensnobelpreis.
Die wissenschaftlichen Preise gehen an die Deutschen Wilhelm Conrad Röntgen (Physik) und Emil von Behring (Medizin) und an den Niederländer Jacobus Henricus van't Hoff (Chemie). Den Literaturnobelpreis erhält der weithin unbekannte französische Dichter René François Armand Sully Prudhomme. Anders als die Auswahl im naturwissenschaftlichen Bereich wird die Vergabe der Preise für Literatur und Frieden heftig diskutiert. So protestieren 42 schwedische Schriftsteller beim Preiskomitee gegen die Auswahl des Literaturnobelpreisträgers. Anstelle Prudhommes hätten sie lieber den Russen Lew N. Tolstoi gesehen. Für den Friedensnobelpreis hatten viele die Pazifistin Bertha von Suttner favorisiert.
Vom Erbe Nobels flossen mehr als 30 Mio. schwedische Kronen als Grundkapital in die Stiftung. In seinem Testament legte Nobel fest, dass die Zinsen seines Vermögens »jährlich an diejenigen verteilt werden sollen, die im Laufe des vergangenen Jahres der Menschheit die größten Dienste erwiesen haben.« Den Friedenspreis erkennt er den Persönlichkeiten zu, »die am meisten oder am besten für die Verbrüderung der Völker, für die Beseitigung oder Verminderung der stehenden Heere, ebenso wie für die Bildung und Verbreitung von Friedenskongressen gewirkt haben.« Der Literaturpreis soll dem zufallen, »der im idealistischen Sinne das bedeutendste literarische Werk hervorgebracht haben wird.« Die Summe seines Erbvermögens teilte Nobel in fünf gleiche Teile.
Während die Verleihung der sonstigen Auszeichnungen von verschiedenen akademischen Gremien in Stockholm vorgenommen wird, verfügte Nobel, dass die Friedenspreise in Norwegen überreicht werden. Ein Komitee des norwegischen Parlaments bestimmt den Preisträger, ohne dass es dazu verpflichtet ist, eine Begründung für seine Entscheidung abzugeben.
1902 wird in Norwegen ein eigenes Nobel-Institut mit einer Bibliothek zur Friedensforschung eingerichtet. Seit 1969 gibt es einen Preis für Wirtschaftswissenschaften. 1980 initiiert der deutsch-schwedische Journalist Jakob von Uexküll den alternativen Nobelpreis für herausragende Leistungen zur Lösung drängender Menscheitsprobleme.
Alfred Nobel
Der schwedische Chemiker und Industrielle Alfred Nobel wurde am 21. Oktober 1833 in Stockholm geboren. Er trat in die russische Firma seines Vaters ein, die u.a. Rüstungsgüter produzierte.
Bei der Suche nach risikoarmen Zündungsmechanismen stieß er 1864 auf die Möglichkeit einer kontrollierten Explosion. 1867 erfand er das Dynamit und 1877 die Sprenggelatine. Mit diesen Substanzen begründet Nobel eine weitverzweigte Sprengstoffindustrie. Angesichts der Zerstörung durch die militärische Verwendung seiner Produkte und intensiver Auseinandersetzung mit der Friedensproblematik stiftete er ein Jahr vor seinem Tod (10. Dezember 1896) den Nobelpreis.
Funk über den Atlantik
Saint John, Donnerstag, 12. Dezember 1901
Der italienische Ingenieur Guglielmo Marchese Marconi gilt als Begründer des Rundfunkzeitalters.
Auf Neufundland empfängt Marconi drahtlos drei Morsesignale, die von einer Station im britischen Poldhu (Cornwall) 3500 km über den Nordatlantik gesendet werden. Telegrafengesellschaften gehen juristisch gegen ihn vor, weil sie um ihr Übertragungsmonopol fürchten.
Zwischen Technik und Natur
Dienstag, 31. Dezember 1901
Industrialisierung und gesellschaftlicher Umbruch bescheren der bürgerlich geprägten und auf Kaiser Wilhelm II. fixierten deutschen Gesellschaft eine Vielzahl politischer und sozialer Gegenströmungen. Dazu zählen u.a. die Sozialdemokratie, die Frauenbewegung und der Wandervogel.
Jubiläum: Die offiziellen Kreise des deutschen Kaiserreichs und seiner Bundesstaaten beginnen das 20. Jahrhundert voller Nationalstolz und Selbstbewusstsein. Wilhelm II. – zugleich preußischer König – sonnt sich bei dem am 18. Januar stattfindenden zentralen Festakt zum 200-jährigen Jubiläum des preußischen Königreichs im Glanz der Monarchie. In seinem cäsaristischen Selbstverständnis irritiert ihn auch nicht die Kritik des liberalen Teils der Öffentlichkeit, der an seinen selbstherrlichen Entscheidungen und Auftritten Anstoß nimmt.
Jugendbewegung: Auf Initiative des Studenten Karl Fischer wird in Steglitz der »Wandervogel-Ausschuss für Schülerfahrten e.V.« (AfS) gegründet. Der Gründungsakt gilt als offizieller Beginn der Wandervogelbewegung, die ihrerseits den Ausgang der sog. Jugendbewegung bildet. In der Folgezeit breitet sich die Wandervogelbewegung im gesamten Deutschen Reich aus. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg zählt sie mehrere zehntausend Anhänger.
Schwebebahn: In Elberfeld im Bergischen Land wird nach dreijähriger Bauzeit am 1. März die Schwebebahn in Betrieb genommen. Die erste Bahn dieser Art in der Welt überspannt in einer Länge von 13,3 Kilometern die Wupper. Die Schwebebahn für den öffentlichen Personennahverkehr geht zurück auf eine Konzeption des deutschen Ingenieurs Eugen Langen. Besonders betont wird der ökonomische Aspekt: Ein Streckenkilometer kostet erheblich weniger als bei anderen Hoch- bzw. U-Bahnen.
Ära Mercedes: Bei einer Autowoche im französischen Nizza feiert der neue Mercedes Rennwagen am 25. März seinen ersten großen Erfolg: Der überlegene Sieg beim Langstreckenrennen Nizza-Salon-Nizza veranlasst den Vorsitzenden des französischen Automobilclubs, Paul Meyan, zu dem Fazit: »Wir sind in die Ära Mercedes eingetreten«. Entwickelt hat den Mercedes der technische Direktor der Daimler-Motoren-Gesellschaft, Wilhelm Maybach. Der 1150 kg schwere Wagen hat einen Sechs-Liter-Motor.
Kabarett: Um Mitternacht wird am 18. Januar in Berlin mit dem »Bunten Theater – Überbrettl« das erste literarische Kabarett im Deutschen Reich eröffnet. Kabarett kommt in Mode, im weiteren Verlauf des Jahres etablieren sich auch andere bedeutende Kleinkunstbühnen nach französischem Vorbild. Der Schriftsteller Ernst von Wolzogen führt durch das begeistert aufgenommene Programm mit Gedichtrezitationen, erotischen Chansons, satirischen Couplets, Pantomime und Schattenspiel. Eine nachhaltige Wirkung erzielt die Kleinkunstbühne »Schall und Rauch«, die am 1. Oktober eröffnet wird. Das Ensemble setzt sich aus jungen Darstellern um den Schauspieler Max Reinhardt zusammen.
Buddenbrooks: Im Oktober erscheint im S. Fischer Verlag in einer Auflage von 1000 Exemplaren der Roman »Buddenbrooks. Verfall einer Familie«. Der Autor, Thomas Mann, ist 26 Jahre alt und steht am Beginn einer beispiellosen Karriere. Anhand des Niedergangs einer Lübecker Kaufmannsfamilie beschreibt Mann die Krise des europäischen Bürgertums.