Militärführung dominiert Politik
Montag, 31. Dezember 1917
Bis in konservative Kreise hinein hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass nur ein bedingungsloser Friede das Reich retten könne. Uneinsichtig bleibt die militärische Führung.
OHL gewinnt Einfluss: In einer für ihn aussichtslosen politischen Lage tritt am 14. Juli Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg zurück. Sein Nachfolger wird der Zufallskandidat der Obersten Heeresleitung (OHL), Georg Michaelis. Das Parlament hatte nach einer Rede des Zentrumsabgeordneten Matthias Erzberger über die alarmierende militärische und wirtschaftliche Situation dessen Vorschlag zugestimmt, der Entente einen bedingungslosen Frieden ohne Annexionen anzubieten. Die OHL unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, in der Frage des uneingeschränkten U-Boot-Krieges mit dem Kanzler zerstritten, setzt dagegen weiter auf einen militärischen Sieg des Reiches.
Wegen der Vermittlungsbemühungen des Reichskanzlers drohen Hindenburg und Ludendorff mit ihrem Rücktritt von der OHL, falls Bethmann Hollweg weiter im Amt bleibe. Mit der Ernennung von Michaelis wächst der Einfluss der OHL auf die politische Führung.
Erneuter Kanzlerwechsel: Wegen fehlender parlamentarischer Unterstützung tritt Reichskanzler Georg Michaelis am 24. Oktober zurück. Am 1. November ernennt Kaiser Wilhelm II. den bayerischen Ministerpräsidenten Georg Graf Hertling zum neuen Reichskanzler. Der Zentrumspolitiker gilt als Vertreter des rechten Flügels seiner Partei und pflegt ein vertrauensvolles Verhältnis zu General Ludendorff.
Strategischer Rückzug: Auf Anordnung der OHL beginnt die an der Westfront kämpfende Heeresgruppe »Kronprinz Rupprecht« am 28. Februar mit dem Rückzug auf die gutausgebaute sog. Siegfriedstellung. Die Aktion erfolgt, weil die deutsche Führung mit einem Großangriff der britischen und französischen Truppen rechnet. Die sich von Arras über St. Quentin-la-ferre bis nach Vailly erstreckende Kampflinie verkürzt die Front und führt zu einer Einsparung von 13 Divisionen.
USPD gegründet: In Gotha geht am 8. April die Reichskonferenz der innerparteilichen Opposition der SPD mit der Gründung der linksorientierten Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) zu Ende. Die USPD steht sowohl im grundsätzlichen Widerspruch zur Reichsregierung als auch zur kriegsunterstützenden Politik der Mehrheits-SPD. Die Führung der Partei übernehmen Hugo Haase und Wilhelm Dittmann. Auch Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg erklären ihren Beitritt.
Meuterei: Matrosen des Linienschiffs »Prinzregent Luitpold« bilden einen Soldatenrat und demonstrieren am 2. August für einen sofortigen, annexionslosen Frieden. In Wilhelmshaven halten sie eine Protestversammlung ab und drohen mit Generalstreik. Nach ihrer Rückkehr auf das Schiff werden die Rädelsführer verhaftet und wegen Verrats angeklagt. Die Heizer Alfred Köbis und Max Reichpietsch werden am 5. September hingerichtet.
Kriegsmüdigkeit
Millionen Soldaten sterben auf den Schlachtfeldern und die Bevölkerung zu Hause hungert. Nach einer Statistik des Reichsamtes des Innern sterben 1917 rd. 260 000 Menschen unmittelbar an den Folgen der Mangelernährung. Vor allem der ärmere Teil der Bevölkerung beginnt, sich gegen den Krieg zu erheben. Streiks und Meutereien breiten sich aus.
Hunger: Die Ernährungsnot der Zivilbevölkerung erreicht als Folge der britischen Seeblockade ein fast unerträgliches Maß. Die schlechte Ernte des Vorjahres führt 1916/17 zum ersten sog. Steckrübenwinter, in dem Kohlrüben als Ersatz für Kartoffeln und Brot dienen müssen. Lange Schlangen vor den Geschäften und Hamsterfahrten aufs Land gehören zum Alltag.
Streiks: Die Versorgungslage, insbesondere die Verkürzung der Brotrationen, führt am 16. April zu Massenstreiks in Berlin, Leipzig, Magdeburg, Kiel, Hamburg, Bremen und Nürnberg. In Berlin erfasst der Ausstand 319 Betriebe. 217 420 der rd. 270 000 Arbeiter beteiligen sich. Als Strafmaßnahme müssen Tausende von Streikführern an die Front.
Wucher: Es häufen sich Fälle von dreistem Kriegswucher. An der Not der Bevölkerung verdienen Schwarzhändler und Schieber. In immer größerer Zahl werden unseriöse Kaufleute gestellt. Besonders häufig kommt z.B. mit Wasser gestreckte Milch auf den Markt.
Trauerverbot: Die Verwaltungen der Großstädte fordern Angehörige Gefallener auf, keine schwarze Trauerkleidung anzulegen. Dahinter steht u.a. die Absicht, durch diesen Anblick die Stimmung nicht noch weiter zu verschlechtern.