Krönung fasziniert Millionen
London, Donnerstag, 22. Juni 1911
3 Mio. Zuschauer und Abgesandte aller Höfe der Erde werden Zeuge der Krönung
König Georgs V.
König Georg V. von Großbritannien und Irland und seine Frau Mary werden in der Westminster Abbey in London gekrönt.
Die Feierlichkeiten dauern eine Woche. Neben der Krönung gehört der Umzug des Königspaares durch die Londoner Innenstadt zu den Höhepunkten. Dem Paar folgen die Premierminister der Kolonien, indische Fürsten und Abordnungen fremder Armeen. König Edward VII. war am 6. Mai 1910 gestorben.
Der »Panthersprung« von Agadir
Agadir, Samstag, 1. Juli 1911
Die Entsendung eines Kanonenbootes löst die 2. Marokkokrise aus. Das Deutsche Reich gibt erneut zu verstehen, dass es nicht ohne Widerspruch die Besitzergreifung Marokkos durch Frankreich hinnehmen will. Die nationalistischen Begleittöne steigern sich diesmal bis hin zur Kriegsbereitschaft.
Das deutsche Kanonenboot »Panther« läuft in den Hafen Agadir an der marokkanischen Westküste ein. Mit dem »Panthersprung«, wie die Presse den Vorgang bezeichnet, löst das Deutsche Reich die 2. Marokkokrise aus.
Offiziell begründet das deutsche Außenministerium die Entsendung des Kriegsschiffes mit dem Schutz in Marokko ansässiger deutscher Firmen vor Stammesunruhen. Tatsächlich untermauert die Aktion den deutschen Anspruch auf marokkanische Rohstoffe und ist eine Reaktion auf die französische Besetzung von Fes vom 21. Mai.
Deutschkonservative und Alldeutsche schüren die Kriegsbereitschaft im Reich und fordern, Westmarokko müsse deutsch werden. Vor allem Großbritannien warnt vor einer ernsten Gefährdung des Friedens, veranstaltet Flottenmanöver, und rückt enger mit dem Entente-Partner Frankreich zusammen. Es kommt zur Verständigung über einen gemeinsamen Aufmarschplan im Falle eines Krieges gegen Deutschland.
Die akute Kriegsgefahr lässt erst nach, als Deutschland und Frankreich am 4. November in Berlin das sog. Marokko-Kongo-Abkommen unterzeichnen. Darin verständigen sich Berlin und Paris auf die politische Vorherrschaft Frankreichs und die wirtschaftliche Gleichstellung des Deutschen Reiches in Marokko. Als Kompensation erhält das Deutsche Reich 275 000 km² der Kolonie Französisch-Kongo mit rd. 1 Mio. Einwohnern. Das Kongogebiet wird mit der deutschen Kolonie Kamerun verbunden, die sich damit um die Hälfte vergrößert.
Der Vertrag steht im Kreuzfeuer der Kritik. Im Deutschen Reich wird bemängelt, dass es sich bei den neuen Gebieten im Wesentlichen um wertlose Sumpfgebiete handelt. Frankreich hat in den Augen der Kritiker als Novum ohne Krieg ein Stück seines Gebietes abgetreten.
Attentat auf Regierungschef
Kiew, Donnerstag, 14. September 1911
Die Unruhen im Zarenreich ebben nicht ab. Linke Sozialrevolutionäre verüben sog. Individualterror.
Während eines Theaterbesuchs wird der russische Ministerpräsident Pjotr A. Stolypin durch ein Revolverattentat des Sozialrevolutionärs Dmitri Bagrow schwer verletzt. Vier Tage später stirbt er.
Die Sozialrevolutionäre ermorden vorzugsweise bekannte Einzelpersonen, die – wie Stolypin – als Symbol des unmenschlichen Zarenregimes gelten. Stolypin hat seit 1906 mit hartem Polizeiterror regiert.
Italien nimmt sich Libyen
Rom, Freitag, 29. September 1911
Die schwache militärische Position des Osmanischen Reiches ermutigt Italien zum Griff nach Libyen.
Die italienische Regierung unter Ministerpräsident Giovanni Giolitti erklärt der osmanischen Regierung in Konstantinopel den Krieg. Zuvor war ein 24-stündiges Ultimatum verstrichen, in dem Rom forderte, dass die osmanische Regierung einer italienischen Besetzung von Tripolis und der Cyrenaika zustimmen soll.
Am 30. September eröffnet ein aus zwölf Kriegsschiffen bestehendes italienisches Geschwader das Feuer auf die Forts von Tripolis. Die Besetzung der Stadt erfolgt am 5. Oktober. Der Krieg um die Eroberung des Umlands dauert noch bis Jahresende an.
Im Neutralitätsvertrag mit Frankreich hatte sich Rom 1902 ein Anrecht auf Tripolis zusichern lassen, 1904 dafür Marokko als französische Einflusssphäre anerkannt.
Tripolis-Massaker empört die Welt
Bei der Eroberung von Tripolis werden europäische Kriegsberichterstatter Zeugen bestialischer Morde.
Selbst offizielle italienische Berichte räumen ein, dass »Hunderte« arabischer Gefangener nach summarischen Gerichtsverfahren erschossen, andere in Ketten »geschlagen« worden seien. Unabhängige Zeugen berichten hingegen von Tausenden Ermordeten. Es habe keine Kriegsgerichte gegeben, auch wehrlose Frauen und Kinder seien von italienischen Soldaten gefoltert und getötet worden.
Hollywood – ein Mythos wird geboren
Hollywood, Sonntag, 1. Oktober 1911
In Konkurrenz zum Film-Trust Motion Picture Patents Company (MPPC) bauen unabhängige Studios in Hollywood ihre eigene Industrie auf.
Für die Nestor Company eröffnet David Horsley an der Kreuzung Sunset Boulevard/Gower Street das erste Filmstudio in der kalifornischen Stadt. Innerhalb kurzer Zeit wächst Hollywood zum Zentrum der US-Filmindustrie heran.
Binnen Jahresfrist produzieren 15 weitere sog. unabhängige Studios, die sich dem machtvollen Einfluss der MPPC entziehen wollen, in dem Vorort von Los Angeles. Als der Verleiher William Fox 1915 einen Musterprozess gegen die MPPC gewinnt, ist ihre Vorherrschaft endgültig gebrochen.
Hollywood – der Name bedeutet Stechpalmenwald – verfügt wegen seines sonnigen, beständigen Klimas über ideale Bedingungen zur Filmproduktion. Als nahegelegene Kulissen bieten sich Strände, die Sierra Nevada und die Mojave-Wüste an.
Amundsen erreicht den Südpol
Antarktis, Donnerstag, 14. Dezember 1911
Einer der dramatischsten und ehrgeizigsten Wettläufe der Geschichte ist zu Ende. Mit der Eroberung des Südpols ist einer der letzten weißen Flecke auf der Landkarte getilgt.
Der Norweger Roald Amundsen betritt mit vier Begleitern als erster Mensch den Südpol auf 90° südlicher Breite und hisst die norwegische Flagge. Am 17. Januar 1912 folgt der Brite Robert Falcon Scott.
Beide Expeditionen haben im Herbst einen Wettkampf um die Entdeckung des Südpols angetreten. Als die Amundsen-Expedition im Jahr 1909 die Leinen loswarf, war ihr Ziel zunächst der Nordpol. Auf seinem Weg in die Arktis erhielt Amundsen jedoch die Botschaft, dass der US-Amerikaner Robert Edwin Peary den Nordpol erreicht hatte. Daraufhin kehrte Amundsen um und nahm die Eroberung des Südpols in Angriff.
Seine Route führt durch völlig unbekanntes Gebiet, ist aber rd. 150 km kürzer als die seines Rivalen Scott. Zur Fortbewegung wählt der Norweger Schlitten, vor die er Eskimohunde spannt.
Scotts Expedition ist vom Pech verfolgt. Seine Motorschlitten fallen im Sturm schnell aus, die Ponygespanne ertragen die Kälte nicht und müssen getötet werden. Nachdem er den Südpol nur als Zweiter erreicht hat, findet er samt seinen Begleitern in Schneestürmen den Tod.
Wettlauf zum Pol
1895: Der Norweger Carsten Egeberg Borchgrevink betritt bei Cap Adare als erster Mensch den Kontinent Antarktika.
1898-1900: Borchgrevink überwintert in der Antarktis. Von der Walbucht aus dringt er bis 78° 50' südlicher Breite vor.
1902: Der Brite Robert Falcon Scott muss eine Expedition wegen Ausbruch von Skorbut abbrechen.
16.1.1908: Der irische Polarforscher Ernest Henry Shackleton findet den magnetischen Südpol.
9.1.1909: Shackleton bricht den Versuch ab, zum geographischen Südpol vorzustoßen. Er erreicht, rd. 160 km vor dem Ziel, 88° 23' südliche Breite.
24.10.1911: Scott tritt von Kap Evans den Marsch zum Südpol an.
28.10.1911: Der Norweger Roald Amundsen startet seine Expedition von der Walbucht aus.
»Blaue Reiter« stellen aus
München, Montag, 18. Dezember 1911
»Der blaue Reiter« ist neben der 1905 gegründeten »Brücke« die wichtigste Künstlervereinigung des frühen Expressionismus. »Der blaue Reiter« will u.a. den Materialismus des 19. Jahrhunderts überwinden.
In der Galerie Heinrich Thannhauser wird die »Erste Ausstellung der Redaktion des Blauen Reiters« eröffnet. Sie ist von den Initiatoren Wassily Kandinsky und Franz Marc als Gegendemonstration zu einer ebenfalls in dieser Galerie stattfindenden Ausstellung der Neuen Künstlervereinigung gedacht, aus der die beiden Maler kurz zuvor ausgetreten waren.
Neben Kandinsky und Marc beteiligen sich August Macke, Heinrich Campendonk, Gabriele Münter und die Russen David und Wladimir Burliuk. Außerdem Eugen Kahler, Albert Bloch, Elisabeth Epstein und Arnold Schönberg. Dazu kommen Gemälde der Franzosen Robert Delaunay und des 1910 verstorbenen Henri Rousseau. Die Mitarbeit des Komponisten Schönberg unterstreicht die angestrebte musikalisch-farblich-formale Synästhesie. Ab Januar 1912 wird die Ausstellung in mehreren Orten des Deutschen Reiches gezeigt. 1912 erscheint der Almanach »Der blaue Reiter«.
Farbe und Form
»Den Namen [blauer Reiter]«, berichtet Wassily Kandinsky »erfanden wir [Kandinsky und Franz Marc] am Kaffeetisch...; beide liebten wir Blau, Marc Pferde, ich – Reiter. So kam der Name von selbst.« Der gemeinsame Nenner der Gruppe ist die Wendung gegen das akademisch-wirklichkeitsnachahmende Bild und gegen die hemmenden impressionistischen Traditionen. Ohne Trübung durch gegenständliche oder metaphorische Bilder wollen die »Blauen Reiter« im »ausdrucksvollen Klang der reinen farbigen Formen den inneren Klang der Dinge, der als Erlebnis in der menschlichen Seele vibriere«, anschaubar machen. Der Erste Weltkrieg beendet die Arbeit des »blauen Reiters«, seine Ideen wirken weiter.
Kriegslaune der Nationalen nimmt spürbar zu
Sonntag, 31. Dezember 1911
Die Wellen nationalistischer Emotion in Teilen der Presse und der Öffentlichkeit schlagen während der 2. Marokkokrise so hoch, dass die Reichsregierung zur Mäßigung aufruft. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg kritisiert das leichtfertige Spiel mit dem Krieg.
Marokkokrise: Die Ergebnisse des Marokko-Kongo-Vertrags vom 4. November werden von Deutschkonservativen, Nationalliberalen und Alldeutschen heftig kritisiert. Insgesamt werfen sie Reichskanzler von Bethmann Hollweg eine »schwächliche« Haltung vor und diagnostizieren eine »schwere Schädigung des Ansehens und der Machtstellung unseres Vaterlandes.« Das »Kompensationsgebiet« in Französisch-Kongo gilt in weiten Teilen der Öffentlichkeit wegen des Sumpfklimas und der dort auftretenden Schlafkrankheit sowie der Konzessionen an nichtdeutsche Firmen als »entwertet«.
Elsass: Ein weiterer ständiger Konfliktherd mit Frankreich ist das Elsass, das Frankreich zusammen mit einem Teil Lothringens und der Stadt Metz 1871 an das Deutsche Reich abtreten musste. Profranzösische Kräfte agitieren seitdem für den Wiederanschluss an Frankreich. Am 26. Mai verabschiedet der Reichstag eine Verfassung, durch die Elsass-Lothringen den deutschen Bundesstaaten nahezu gleichgestellt wird.
Elbtunnel: Am 27. September wird nach vierjähriger Bauzeit der 448,5 m lange Elbtunnel eröffnet. Er ist der erste Flusstunnel Kontinentaleuropas und der weltweit erste Tunnel, der über Fahrstühle zu erreichen ist.
Rosenkavalier: Am 26. Januar wird in Dresden »Der Rosenkavalier« von Richard Strauss unter der Regie von Max Reinhardt uraufgeführt.
Der Tango kitzelt die Sinne der Berliner Boheme
Von Argentinien ausgehend hält – via Paris – ein neuer Modetanz auch in Berlin Einzug. Der Tango vereinigt Grazie mit verruchter Erotik.
Der Schiebetanz wird im Deutschen Reich in den folgenden Jahren so populär, dass sich Kaiser Wilhelm II. 1913 schließlich genötigt fühlt, den Tango wegen seiner angeblichen Unsittlichkeit für Offiziere in Uniform zu verbieten.
Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entstand in Armenvierteln von Argentinien und Uruguay ein zweideutiger Kaschemmentanz mit stark erotischer Komponente. Einer seiner Besonderheiten war der Corte, eine abrupte Unterbrechung des Bewegungsflusses. Aus der Verschmelzung dieses Tanzes mit dem kubanisch-spanischen Paartanz Habanera entwickelte sich der »Tango Argentino«, der 1907 in Paris vorgeführt wurde und seither von französischen Tanzlehrern europäisiert wird. Dabei gilt, dass die bürgerliche Moral bestimmte Körperstellungen öffentlich nicht toleriert.
Vor allem im prüden Wilhelminismus wird der Tango wegen seiner zur Schau gestellten Erotik vielfach angefeindet. In der Tat erfordert der Bewegungsablauf engsten Körperkontakt zwischen den Tanzpartnern: »Seine Glut ist mit einer sanften Versonnenheit über uns gekommen« urteilt die Vossische Zeitung. Es gibt aber auch kritische Stimmen, etwa in der Zeitschrift »Der Kunstwart«: »Die Tänzer benehmen sich wie Rechenmaschinen, sie sind todernst, um ihre Lippen schwebt immer ein Heer von Zahlen, es ist Mathematik mit verlogen erotischem Einschlag ... Temperament ist unmöglich, weil der Vorgang kühlste Überlegung verlangt; die Bewegung, mit der die Dame sich an des Herren Brust wirft, ist lediglich Symbol, wenn sich Schoß an Schoß presst, merkt man: Jetzt würde es in der ... Heimat des Tango schwül! Aber hier bleibt's hundeschnauzig, weil die nächste Figur zu überlegen ist.«