Ein Feuerwerk an Farben
Oslo, Freitag, 1. Januar 1909
Der Norweger Edvard Munch gibt mit seinen Bildern der europäischen Malerei wichtige Impulse.
Munch (1863-1944) gehört zu den expressionistischen Künstlern, die um die Jahrhundertwende die Weichen für einen geistigen Umbruch in der Malerei stellen.
Seine Bilder entstehen nicht aus dem Verlangen, rein Ästethisches zu schaffen, sondern in dem Bewusstsein, das eigene Schicksal bewältigen zu können: »Krankheit, Wahnsinn und Tod hielten wie schwarze Engel Wache an meiner Wiege. Sie haben mich durch mein ganzes Leben begleitet.«
Munchs wichtigstes Ausdrucksmittel ist die Betonung der Linie und der Verzicht auf Raumtiefe. In seinem Bild »Der Schrei« kontrastieren die gewellten Linien der Fjordlandschaft mit der Diagonalen des Stegs. Die totenkopfähnliche Gestalt schreit mit weit aufgerissenen Augen. Der Maler schafft sich seine eigenen Gleichnisse und eine symbolische Formsprache.
Bekenntnis zur Moderne
Paris, Samstag, 20. Februar 1909
Das »Manifest des Futurismus« wird zum Gründungsdokument einer radikal neuen Bewegung in der Kunst.
Der italienische Schriftsteller Filippo Tommaso Marinetti veröffentlicht sein »Manifest«, mit dem der 33-Jährige die für ihn in musealer Verehrung des Alten erstarrte Kunst revolutionieren will. Kernpunkt seiner Bewegung ist ein vorbehaltloses Bekenntnis zur Moderne, zur Welt der Technik und den Erscheinungen der Massengesellschaft.
Peary am Pol – Traum erfüllt
Nordpol, Dienstag, 6. April 1909
Mit der Eroberung des Nordpols geht der Forscher Robert E. Peary in die Geschichte ein.
Als erster Mensch erreicht der US-amerikanische Polarforscher die unmittelbare Nähe des Nordpols. Peary, der sich in den letzten Jahren mit mehreren spektakulären Arktis-Expeditionen auf sein bisher größtes Abenteuer vorbereitet hatte, trat seine Entdeckungsreise im Juli 1908 an. Mit dem Schiff »Roosevelt« fuhr er gemeinsam mit seiner Mannschaft zur rd. 670 km vom Pol entfernt gelegenen Nordspitze der Ellesmere-Insel. Begleitet wurde der 53-Jährige von dem Kapitän Robert Bartlett, dem Arzt J. W. Goodsell, seinem Sekretär Ross Marvin, den jungen Forschern George Borup und Donald MacMillan sowie seinem Helfer Matthew Henson. Für tatkräftige Unterstützung sorgten 17 Eskimos, die insgesamt 133 Schlittenhunde mit sich führten.
Die letzte Phase der Expedition, an der neben Peary nur noch Henson und vier Eskimos teilnahmen, wurde von einer stabilen Witterung begünstigt. Peary und seine Begleiter kamen gut voran und schafften eine Strecke von bis zu 40 km am Tag. Am 6. April gegen 10 Uhr vormittags war es endlich soweit: Die Männer trafen entkräftet, aber wohlbehalten an der Position 89° 57' nördlicher Breite ein und befanden sich damit in unmittelbarer Nähe des Pols. Das Ziel nahe vor Augen ließen sie sich nun Zeit. Erst nach einer langen Rast nahmen sie die letzten Meter in Angriff und führten Messungen durch.
In seinem Tagebuch vermerkt Peary: »... Endlich der Pol ... Mein Traum und Ziel seit 20 Jahren ... Endlich mein!«
Kampf gegen Eis
Wer den Nordpol als Erster entdeckt hat, bleibt umstritten. Am 2. September behauptet der mehrere Monate verschollen geglaubte US-Forscher Frederick A. Cook, bereits am 21. April 1908 den Pol erreicht zu haben. Erste Zweifel hegt Robert E. Peary, der am 6. April den Nordpol erreicht hat. Er erklärt, am Nordpol keine Spuren einer Expedition gefunden zu haben. Eine Prüfung durch die Royal Geographical Society in London lässt ebenfalls Zweifel an den Aussagen Cooks aufkommen. Im Laufe der Jahrhunderte versuchten Abenteurer immer wieder, die Geheimnisse der Arktis zu lüften. Mangelnde Kenntnisse und schlechte Ausrüstung ließen die Bemühungen jedoch scheitern.
»Ballets Russes« revolutionieren Tanzkunst
Paris, Dienstag, 18. Mai 1909
Zum Ausgangspunkt einer neuen Epoche des europäischen Balletts werden die Opern- und Ballett-Aufführungen der »Ballets Russes«, die eine Renaissance des klassischen Balletts in Westeuropa auslösen.
Vor einem erwartungsvollen Publikum wird in der französischen Hauptstadt mit einem Ballett- und Opernabend die »Saison russe« eröffnet.
Auf dem Programm stehen Tänze nach der Musik russischer Komponisten, u.a. von Alexandr N. Tscherepnin, Nikolai A. Rimski-Korsakow, Michail I. Glinka und Peter I. Tschaikowski, sowie Auszüge aus Alexandr P. Borodins Oper »Fürst Igor«. Die Veranstaltung ist ein durchschlagender Erfolg. Das Pariser Publikum feiert die Akteure, insbesondere Waslaw Nijinski, den Star des Moskauer Ensembles. Gründer und Spiritus rector der »Ballets Russes«, die aus Mitgliedern des Petersburger Marientheaters und des Moskauer Hofballetts bestehen, ist der 37-jährige Impresario Sergei Diaghilew.
Im Bestreben, den Franzosen russische Kunst näher zu bringen, hatte Diaghilew seit 1906 in Paris mehrere Musikvorführungen veranstaltet. Die »Saison russe« versteht er als Krönung seiner Arbeit.
Durch den Erfolg beflügelt, sammelt er führende französische und russische Künstler um sein »Ballet Russe«. Im Zusammenwirken mit Claude Debussy, Igor Strawinski, Richard Strauss, Henri Matisse, Pablo Picasso und den Tänzern Anna Pawlowa und Waslaw Nijinski versucht Diaghilew, seine Vorstellungen einer modernen Tanzkunst zu realisieren. Sein Ziel ist die Integration von Tanz, Musik und Bühnengestaltung. Michail M. Fokin ist der erste Choreograph der Tanz-Truppe. Er strebt vor allem eine künstlerische Synthese zwischen dem Klassizismus Marius Petipas und dem Neoklassizismus George Balanchines an.
Die Stars der »Ballets Russes« setzen auch in den folgenden Jahren Maßstäbe. 1911 wird in Paris die Ballett-Burleske »Petruschka« von Igor Strawinski uraufgeführt. Sie wird eines der beliebtesten Ballette überhaupt. Nijinksi tanzt die Titelrolle, eine Marionette, die zum unglücklichen Helden der Jahrmärkte wird. An seiner Interpretation orientieren sich künftig alle Aufführungen dieses Werks. Auch die von Tamara Karsawina getanzte Ballerina wird zum Vorbild.
Blériot gelingt erster Motorflug über den Ärmelkanal
Dover, Sonntag, 25. Juli 1909
Mit seinem Flug über den Ärmelkanal wird der Franzose Louis Blériot über Nacht zum Nationalhelden.
Der Flugpionier überquert als erster Mensch den Ärmelkanal mit einem Motorflugzeug. Er bewältigt die rd. 36 km lange Strecke in seinem gedrungen wirkenden Eindecker in 27:20 min.
Kurz nach Sonnenaufgang startet Blériot bei schwachem Wind in Calais. Während des Flugs hält er die Maschine etwa 80 m über der Wasseroberfläche. Bei der Landung in hügeligem Gelände bei Dover wird die »Blériot IX« leicht beschädigt.
Mit dieser fliegerischen Meisterleistung gewinnt der 37-jährige Blériot die Prämie von umgerechnet 25 000 Franc, die der britische Verleger Lord Alfred Charles Northcliffe für den ersten Motorflug zwischen England und dem Kontinent ausgesetzt hat. Blériots Landsmann Hubert Latham, der sich zur selben Zeit für eine Kanal-Überquerung vorbereitete, hat das Nachsehen.
Blériots Erfolg ist eine weitere Pionierleistung auf dem Gebiet des noch jungen Abenteuers Motorflug. Begonnen hat das Zeitalter des motorisierten Fliegens am 17. Dezember 1903, als der erste gesteuerte Flug gelang.
1906 hob der Brasilianer Alberto Santos-Dumont Bagatelle bei Paris zum ersten kontrollierten Motorflug in Europa ab und überwand eine Distanz von 60 m.
Anarchisten-Aufstand niedergeschlagen
Barcelona, Montag, 2. August 1909
Proteste gegen den Einsatz spanischer Truppen in Marokko sind Ausgangspunkt des Aufstands. Nachdem die Regierung über Barcelona, ein Zentrum des Anarcho-Syndikalismus, den Belagerungszustand verhängt, entwickelt sich der Aufstand zum Kampf gegen das Regime von König Alfons XIII.
Spanisches Militär schlägt in der katalanischen Hafenstadt einen anarcho-syndikalistischen Aufstand blutig nieder. Bei den Straßenkämpfen werden mehrere hundert Menschen getötet. Die schwer bewaffneten Ordnungskräfte nehmen über 500 Aufständische gefangen. Die Beseitigung der Barrikaden dauert mehrere Tage.
Nach Niederschlagung des anarchistischen Aufstands bieten weite Teile von Barcelona ein Bild der Verwüstung. Vor allem zahlreiche Kirchen und kirchliche Einrichtungen wurden von den Revolutionären zerstört. Insgesamt wurden im Verlauf der »tragischen Woche« in Barcelona 17 Kirchen, 23 Klöster und 16 katholische Schulen niedergebrannt. Zahlreiche Priester, Nonnen und Mönche wurden von Aufständischen ermordet.
In einigen Städten Kataloniens proklamieren Revolutionäre die Republik, in Barcelona errichten Anarchisten hunderte von Barrikaden. Zahlreiche Brücken und Eisenbahnstrecken werden zerstört. Es kommt zur Plünderung von Geschäften und öffentlichen Einrichtungen. Am 30. Juli standen rd. 10 000 bewaffnete Aufständische unter Führung eines Revolutionskomitees den königstreuen Truppen gegenüber. Erst nach Verlegung starker Kampfverbände aus Madrid und Valencia gewann die Armee die Oberhand.
Mehrere Anführer des Aufstands, darunter der international bekannte Pädagoge Francisco Ferrer, werden in den folgenden Wochen erschossen.
Anarchismus lehnt Zwänge ab
Anarchismus bezeichnet sowohl Denkmodelle für ein Zusammenleben der Menschen ohne Zwang als auch Versuche zur Verwirklichung.
Der moderne Anarchismus entstand Anfang des 19. Jahrhunderts. Der individualistische Anarchismus, der u.a. vom Franzosen Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) vertreten wurde, stellt den Einzelnen in den Mittelpunkt – Privateigentum wird nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Hauptvertreter eines kollektivistisch-revolutionären Anarchismus ist der Russe Michail A. Bakunin (1814-1876). Zur Durchsetzung der Ziele billigen Radikale auch Gewalt und Terror.
Standard Oil droht Auflösung
New York, Freitag, 17. Dezember 1909
Justiz und Politik in den USA versuchen seit Jahren, gegen die marktbeherrschende Stellung der großen Konzerne vorzugehen.
Die US-amerikanische Ölgesellschaft Standard Oil legt beim Obersten Bundesgericht Berufung gegen die Auflösung des Konzerns ein.
Das von John D. Rockefeller gegründete Unternehmen war am 20. November in Minnesota von einem Bundesgericht wegen Verstoßes gegen die Anti-Trust-Gesetze verurteilt worden. Die Richter sahen die marktbeherrschende Stellung von Standard Oil als erwiesen an.
Das Urteil stützt sich auf den 1890 in Kraft getretenen sog. Sherman Act, der im Interesse des freien Wettbewerbs die Auflösung von Trusts vorsieht, also des Zusammenschlusses von selbstständigen, wirtschaftlich jedoch voneinander abhängigen Unternehmen. Rockefeller war bereits 1892 zur Auflösung seines Unternehmens gezwungen worden, konnte es jedoch durch geschickte Reorganisation retten.
Auch nachdem das Oberste Bundesgericht 1911 das Urteil gegen Standard Oil bestätigt, wird der Konzern nur formal aufgelöst. Durch Namensänderungen und Gründung von Einzelfirmen bleibt die marktbeherrschende Stellung auch in Zukunft faktisch bestehen.
Rockefeller gründete 1862 im Alter von 23 Jahren gemeinsam mit einem Geschäftsfreund in Cleveland eine Raffinerie, aus der 1870 die Standard Oil Company of Ohio hervorging. Sein Ziel war es, die Raffination und den Transport von Öl zu kontrollieren. An der risikoreichen Ölförderung hatte er kein Interesse. In nur fünf Jahren gelang es Rockefeller, die Firma zu einem Imperium auszubauen. Unter Einsatz aller Mittel zwang er Konkurrenten zur Aufgabe. Im Privatleben gilt Rockefeller als extrem sparsam.
Anti-Trust-Politik
US-Präsident Theodore Roosevelt,
der nach achtjähriger Amtszeit am 4. März von William H. Taft abgelöst wird, machte sich u.a. als Kämpfer gegen Kartell-Bildung einen Namen. Durch Anti-Trust-Gesetze bemühte er sich, die fortschreitende Monopolbildung der großen US-amerikanischen Unternehmen zu unterbinden. Taft ist entgegen seinen anfänglichen Aussagen nicht bereit, die reformistische Wirtschaftspolitik weiterzuführen und lehnt dirigistische Eingriffe in die Wirtschaft ab.
Das Reich sitzt auf Schuldenberg
Freitag, 31. Dezember 1909
Durch die bedenkenlosen Rüstungsausgaben hat sich die Finanzkrise im Deutschen Reich so verschärft, dass an ihrer Beilegung die Kanzlerschaft Bernhard von Bülows zerbricht.
Kanzler-Wechsel: Am 14. Juli erfolgt der Rücktritt des seit 1900 amtierenden Reichskanzlers Bernhard Fürst von Bülow. Er zieht damit die Konsequenzen aus der Abstimmungsniederlage, die er mit dem von ihm vorgelegten Erbschaftssteuergesetz erlitten hat. Die Konservativen hatten das von Bülow begründete konservativ-liberale Bündnis gesprengt und am 24. Juni gemeinsam mit dem oppositionellen Zentrum gegen den Regierungsentwurf zur Beilegung der Finanzkrise gestimmt. Bülows Nachfolge tritt der bisherige Vizekanzler Theobald von Bethmann Hollweg an.
Finanzreform: Trotz der positiven volkswirtschaftlichen Entwicklung ist die Staatsverschuldung auf 4,9 Mrd. Mark angestiegen. Neben den gewaltigen Rüstungsausgaben sind dafür die gestiegenen Aufwendungen für die Zuschüsse an die Sozialversicherung und hohe Verwaltungsausgaben verantwortlich. Um den Schuldenberg in den Griff zu bekommen, sind nach Berechnungen jährliche Mehreinnahmen in Höhe von 500 Mio. Mark erforderlich. Da alle im Deutschen Reichstag vertretenen Parteien die prinzipielle Notwendigkeit einer Finanzreform zugestehen, wird noch unter der Kanzlerschaft von Bülows eine veränderte Fassung verabschiedet. Sie sieht statt der Erbschaftssteuer höhere Abgaben auf Liegenschaftsumsätze, Schecks und Zinsbogen sowie ein Paket verschiedener Konsumsteuern vor.
Bilder vom Elend: Die Schattenseiten der gesellschaftlichen Wirklichkeit im Deutschen Reich beleuchtet die Graphikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz. Die 42-jährige Künstlerin schafft den Zyklus »Bilder vom Elend«, der in ergreifender Weise die Bedrückung und die Not der Armen darstellt. Es sind vor allem die Frauen, die von der Last materieller Not, Arbeit und Sorge um die Familie niedergedrückt werden. In den ausgezehrten Gesichtern übermüdeter Mütter kommt das ganze Elend der unteren Klassen eindringlicher zum Ausdruck als in abstrakten Analysen.
Erfolg für »Elektra«: Unter der musikalischen Leitung von Ernst Schuch kommt am 25. Januar in der Dresdener Hofoper der Einakter »Elektra« von Richard Strauss zur umjubelten Uraufführung. Das Libretto stammt von Hugo von Hoffmannsthal.
Sechstagerennen: In Berlin findet am 21. März das erste Sechstagerennen Europas statt. Gewinner des nach US-Vorbild ausgetragenen Rennens werden die US-Amerikaner Jimmy Moran und Floyd MacFarland. Die Berliner nehmen das Sechstagerennen begeistert auf und strömen in Scharen in die Ausstellungshalle am Zoologischen Garten.
Jugendherberge
1909 schlägt die Geburtsstunde der Deutschen Jugendherbergen: Der Volksschullehrer Richard Schirrmann gerät am 26. August mit seinen Schülern während einer Wanderung durch das Bergische Land in ein schweres Unwetter und findet kein Quartier. Nur mit Not kommt er mit seiner Klasse in einem Schulgebäude in dem Dorf Bröl unter. Schirrmann fasst den Entschluss, Schulräume in den Ferien als Unterkünfte bereitzustellen. Die erste Jugendherberge entsteht 1909 in Altena.
Arbeiterinnen
Als Lumpensammlerin, Textilarbeiterin oder Brennholzträgerin arbeiten viele Frauen hart und für wenig Geld, um den Lebensunterhalt zu sichern. Eine weit verbreitete Form der Beschäftigung für Frauen ist auch die Heimarbeit. Hierbei erhalten sie von ihren Auftraggebern lediglich das Ausgangsmaterial, während Geräte gestellt werden müssen.