Robert Biberti
wird in Berlin als Sohn eines Kammersängers und einer Klavierlehrerin am 05.06.1902 geboren, ein Bruder. Musikalischer Autodidakt, inspiriert durch die Eltern.
1908-1917
Schulbesuch, danach Heimarbeit als Holzschnitzer, Monteur bei der AEG.
ab 1921
Engagements als Chorsänger, u.a. am
Admiralspalast, Theater am Nollendorfplatz, an der Städtischen Oper Berlin,
ab 1927 am Großen Schauspielhaus Berlin; Nebenerwerb als Bänkelsänger auf Höfen, in Kneipen und Kinos
ab Ende 1927
Mitwirkung bei der Gründung der
Comedian Harmonists,
zunächst unter dem Namen
Melody Makers,
dann Comedian Harmonists als Sänger und geschäftlicher Organisator, brachte
Cycowski, Leschnikoff und Nußbaum
mit ins Ensemble.
1935
Biberti ist Mitglied der Comedian Harmonists bis Februar 1935 (endgültiges Auftrittsverbot durch die Reichskulturkammer). Ab Sommer 1935 maßgeblicher Initiator, künstlerischer und geschäftlicher Leiter einer neuen Gruppe mit ausschließlich arischen Mitgliedern unter dem Namen
Meistersextett
mit dem Zusatz früher: Comedian Harmonists mit Leschnikoff, Bootz und weiteren, mehrmals wechselnden Mitgliedern.
ab 1939
beginnende interne Auseinandersetzungen und gegenseitige Anschuldigungen
Frühjahr 1941
endgültiges Verbot der Gruppe durch die Nationalsozialisten
1941
Einberufung zur Wehrmacht, Einsatz bei der Berliner Luftschutz-Warnzentrale, ab 1942 in einer Berliner Kaserne, später in einem Laboratorium in Zoppot.
Juni 1944
Heirat mit Hilde Longino.
Frühjahr 1945
Rückkehr nach Berlin und Verlegung nach Weida (Thüringen), nach Kriegsende Rückkehr nach Berlin, Lebensunterhalt Schwarzmarktgeschäfte, später feinmechanische Reparaturarbeiten, Restauration und Verkauf von Antiquitäten, zahlreiche Reisen in alle Welt.
1975-1985
verschiedene Radiointerviews und Auftritte in musikalischen Fernsehsendungen und Talkshows, 1975 Interview mit Eberhard Fechner für den Film, 1980 für das Buch
02.11.1985
gestorben im Alter von 83 Jahren in Berlin
Ich habe mich sehr sehr lange - seit Anfang der 2000ner Jahre - mit der Stimme von Robert Biberti auseinander gesetzt und als ehemaliger Solosänger in versch. Chören meine ich folgendes festgestellt zu haben:
Seine Stimme war – kein "echter"Opernbass, sondern mehr ein
"singender Kontrabass"
Biberti sang mit einer ausgesprochen geraden Tongebung.
Er vermied:
starkes Vibrato,
opernhafte Wucht,
übermäßigen Stimmdruck.
Dadurch entstand ein Klang, der fast an einen
Kontrabass
eines Orchester erinnert: warm, rund und stets tragend.
Viele Opernbässe würden m.E. dieselben Töne wesentlich breiter und dunkler singen. Biberti dagegen hielt seine Stimme schlank, damit sie sich mit den übrigen Stimmen verschmolz.
Seine wichtigste Aufgabe War für mich:
Harmonie statt Melodie
Nehmen wir das Lied
„Mein kleiner grüner Kaktus“.
was hören wir da?
Während der Zuhörer hauptsächlich die Melodie hört, singt Biberti überwiegend
also genau jene Töne, welche den Akkord stabilisieren.
Interessant ist dabei :
Er singt diese Töne nie langweilig.
Er verändert ständig
Lautstärke,
Klangfarbe,
Artikulation,
damit "lebt" der Akkord.
sein
Rhythmusgefühl
m.E. besitzt Biberti ein fast unglaubliches Timing.
Beim aufmerksamen Hören des Liedes:
„Veronika, der Lenz ist da“.
kommt der Bass praktisch nie zu spät.
Er liegt oft sogar minimal vor dem Schlag, wodurch das Ensemble seinen federnden Swing erhält.
Gerade im Jazz nennt man das: den Beat tragen.
Das ist m. W. wesentlich schwieriger, als exakt auf dem Schlag zu singen.
Die Obertöne
Hier liegt für mich wahrscheinlich das größte Geheimnis der Comedian
Harmonists.
Biberti sang ausgesprochen obertonreich.
Wenn sechs Stimmen perfekt rein intonieren, entstehen die sogenannten
Kombinations- oder Differenztöne.
Als Zuhörer meint man dann,
es würden sieben oder acht Stimmen singen.
Dieses Phänomen wird heute noch von diversen Vokalensembles gezielt
angestrebt.
Diese außergewöhnliche Reinheit der Intonation war m.E. eines der
Markenzeichen der Comedian Harmonists.
Seine geniale
Atemtechnik
Ich höre bei Biberti fast nie einen hörbaren Atemzug.
Er verwendete vermutlich
eine tiefe Zwerchfellatmung,
hatte einen sehr sparsamen Luftverbrauch,
und eine geringe Kehlkopfspannung.
Dadurch blieben seine langen Basstöne völlig ruhig.
Besonders bei langsamen Titeln war und ist das sehr beeindruckend.
Seine Aussprache
ich habe intensiv damit beschäftigt und darauf geachtet
Während viele Sänger Konsonanten verschlucken,
formt Biberti jedes
außerordentlich präzise.
Das hat zwei Vorteile:
Gerade deshalb wirken die Comedian Harmonists selbst auf den alten Schellackplatten noch ganz erstaunlich modern.
Warum war Biberti unverzichtbar:
Ohne seinen Bass würden die Arrangements fast "schweben".
Er verankert die Harmonie aller Gesangsstimmen:
Man könnte meinen und sagen:
Leschnikoff bringt den Glanz.
Collin die lyrische Wärme.
Frommermann den Witz.
Cycowski verbindet alles.
Biberti sorgt dafür, dass das "Gebäude" überhaupt
steht.
Ein Beispiel für viele Arrangements:
„Wochenend und Sonnenschein“
Dieses Lied eignet sich hervorragend für eine Analyse.
ich glaube, dass hier besonders die charakteristische Klangfarbe von Bibertis Bass, die instrumentale Führung der Begleitstimmen, überraschende Harmoniewechsel und vokale Instrumentenimitationen den typischen Stil der Comedian Harmonists ausmachen.
Wenn ich auf die Stimme von Biberti höre, fallen mir drei Stellen auf:
Die ersten Takte –Hier legt Biberti den harmonischen Boden, das Fundament mit ruhigen, perfekt intonierten Basstönen.
Während des Refrains – Seine Stimme wirkt und ist fast unauffällig, hält aber den gesamten Akkord zusammen. Ich habe mir dieses Lied vielmals angehört. Man merkt oft erst beim bewussten und intensiven Hören, wie viel Stabilität von seiner Stimme ausgeht.
Das Schlussmotiv – Dort wird der Bass beinahe wie ein Instrument geführt und erinnert stellenweise an einen gezupften Kontrabass – es war ein typisches Stilmittel der Gruppe Comedian Harmonists